BENTLEY DRIVERS CLUB – SWISS REGION
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Bentley S1 Standard Steel Saloon

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September 1955

«Frau Truninger, bitte zum Diktat. Und lassen Sie in einer halben Stunde meinen Wagen vorfahren.» Dr. Herbert Wolfer-Sulzer sitzt hinter dem mächtigen Schreibtisch in seinem Büro im so genannten Olymp, dem Verwaltungsgebäude des weltweit tätigen Winterthurer Maschinenbauers Gebrüder Sulzer AG. Seit 1910 ist Wolfer im Unternehmen. Damals frisch verheiratet mit Lucie Sulzer, begann er als junger Jurist, kam bald in die Direktion und stieg auf zum Vizepräsidenten des Verwaltungsrats und zum Vorsitzenden der Geschäftsleitung. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen entwickelte sich das Sulzer-Unternehmen unter seiner starken Persönlichkeit zum Weltkonzern. Er prägte über viele Jahre und auf verschiedenen Ebenen die schweizerische Maschinenindustrie, war Zürcher Kantonsrat und Oberst des Infanterieregiments 37. Die Stadt Winterthur bedeutete ihm viel, er förderte dort unter anderem das kulturelle Leben. In engem Kontakt mit Kunstmäzen Oscar Reinhart engagierte er sich für das Kunstmuseum. Trotz all dieser Aufgaben lag ihm der soziale Fortschritt der Sulzer-Belegschaft sehr am Herzen, und er fühlte sich eng mit den Arbeitern verbunden.

An diesem Sommerabend also zieht es Heinrich Wolfer hinaus in die Natur. Eigentlich wäre der 1882 geborene Wolfer-Sulzer bereits seit einigen Jahren pensioniert. Doch sein Leben gehört der Firma, und so verbringt er jeden Tag in seinem Büro. Vor dem Eingang erwartet ihn der schwarze viertürige Bentley S-Type, Portier und Chauffeur Brühlmann hat ihn vorgefahren, der legendäre Kühlergrill blitzt in der Sonne. Der Portier öffnet die schwere chromumrandete Fahrertür, mit Schwung legt der 74-jährige Wolfer seine schwarze Aktenmappe auf den beigen ledernen Rücksitz, und lässt sich dann hinter dem grossen schwarzen Lenkrad nieder. «Brühlmann, ist aufgetankt?» «Sicher – und denken Sie daran, Herr Direktor, wenn der Motor heiss ist, starten Sie ihn ganz ohne Gas. Es ist ein diffiziles Motörchen.» Wolfer schmunzelt ab dem Tipp von Brühlmann, dreht den Zündschlüssel im kreisrunden Instrumentenpanel in der Mitte des Nussbaum-Armaturenbretts, und die 4,9-Liter-Sechszylindermaschine schnurrt. Am Gangwahlhebel rechts der Lenksäule schaltet er das Automatikgetriebe zu, der Wagen gleitet zum Fabriktor. «…und sollte der Motor tatsächlich mal wieder nicht anspringen, ruf ich einfach den Brühlmann an», denkt ein beschwingter Wolfer auf dem Heimweg.

Der S-Type und seine RR-Schwester

Im April 1955 brachte Rolls-Royce den von Chefdesigner John Blatchley entworfenen Bentley S, später auch S1 genannt, zusammen mit dem Schwestermodell RR Silver Cloud auf den Markt. Die beiden Typen unterschieden sich nicht mehr in der Motorleistung, sondern nur noch durch Kühler, Markenembleme und Carrosseriedetails. Der Bentley S-Type war gebaut für den Selbstfahrer wie Wolfer-Sulzer, der Silver Cloud eher für den Chauffeur. Die neu konzipierte Hinterradaufhängung sowie eine unabhängige Vorderradaufhängung trugen zu einer ausgezeichneten Strassenlage bei. Erstmals besass mit dem S-Type ein Bentley rundum hydraulische Bremsen. Ab 1956 konnte eine Servolenkung geordert werden. Auch von diesem Modell gab es eine mit sportlicher Sondercarrosserie ausgestattete Continental-Version und ab 1957 eine Variante mit verlängertem Radstand. Der S1 ersetzte den R-Type, war etwas länger und bot mit vergrössertem Innenraum und Kofferraum entschieden mehr Komfort. Als Antrieb diente der auf 4887 ccm vergrösserte Sechszylinder-Motor aus der R-Reihe. Das Viergang-Automatikgetriebe wurde in Lizenz von GM USA bei Rolls-Royce in Crewe gebaut, ein manuelles Vierganggetriebe war im ersten Produktionsjahr optional erhältlich. Die elegante Linienführung sagte nicht nur Dr. Wolfer zu, sondern vielen anderen Käufern auch. Exklusives Holz und feinstes Connolly-Leder prägten das Innere. In der Rücklehne des Vordersitzes oder unter dem Armaturenbrett befanden sich abklapp- respektive ausziehbare Picknicktische. Wem die Standardvariante nicht so recht gefallen wollte, der orderte lediglich das Fahrgestell mit Motor. Denn der S-Type beruhte traditionell auf einem separaten Fahrgestell, wodurch weiterhin Sonderaufbauten realisiert werden konnten, wie sie auch der Schweizer Graber, der Franzose Franay und Farina in Italien exakt nach den Wünschen und Anforderungen der betuchten Kunden bauten. Daher ist der Bentley S-Type in einer Vielzahl von Varianten auf den Markt gekommen, die bekannteste dürfte die sehr filigran wirkende Karosse des britischen Carrosseriebauers H.J. Mulliner sein, von der immerhin 2528 Stück gebaut wurden, eine für dieses Fahrzeugsegment beachtliche Stückzahl. Mehr Lust auf Leistung wurde von Bentley durch die Continental-Modelle, deren Fahrgestelle unter anderem stärkere Motoren und eine längere Hinterachsübersetzung besassen, befriedigt. Diese leistungsbetonten Fahrgestelle kamen vorwiegend bei entsprechend sportlichen Carrosserieaufbauten zu Einsatz wie sie in England vor allem H.J. Mulliner und Park Ward (1961 fusioniert zu Mulliner/Park Ward) und James Young bauten. Mulliner entwickelte den S-Serie-Continental mit langgestreckter zweitüriger Fliessheckcarrosserie als Nachfolger des R-Type Continental sowie den legendären viertürigen Flying Spur. Der S-Type ist auch in Filmen aus diesem Jahrtausend zu sehen; so z.B in «The True Story» (2008), «Entourage» (2005) und «Die Bluthochzeit» (2004).

Die Krönung der S-Serie

Der grosse Erfolg des S-Type kam 1959 mit dem S2 und der Einführung des noch heute in weiterentwickelter Form gebauten Leichtmetall-V8-Motors mit 6,2 Litern Hubraum. Das S2-Modell war ansonsten mit dem Vorgänger baugleich, nach wie vor überzeugte die grazile, fliessende Linienführung. Ab 1962 bis zum Bauende der S-Serie im Jahr 1965 folgte der S3; äussere Unterschiede waren die Doppelscheinwerfer und frontseitige Blink-/Positionslampen anstelle der tropfenförmigen Leuchten auf dem Kotflügel. Interessant ist die Verteilung der Bauzahlen zwischen den Schwestermodellen. Während vom dem im Nachhinein so bezeichneten S1 mit 3538 Stück deutlich mehr als vom Silver Cloud I mit 2360 Stück gebaut wurden, betrug das Verhältnis beim S2 schon 2308 zu 2717 Silver Cloud II und beim S3 nur noch 1630 zu 2809 Silver Cloud III.

Via Genf und Zürich nach Winterthur: ZH 6492

Dr. Wolfer-Sulzer besass bis in die frühen Fünfzigerjahre einen grossen, behäbigen Amerikaner. Mit Blick auf seinen Rücktritt aus den meisten Verpflichtungen wünschte er sich etwas Edles, etwas von bleibendem Wert, so ganz wie er «seine» Sulzer sah – und doch sollte der neue Wagen nicht zu auffällig sein. So orderte er Anfang 1955 bei der Firma Schmohl in Zürich den rabenschwarzen Bentley S-Type, Series A, Sports Saloon. Chassisnummer B.378.LAN, mit Viergang-Automatik, Trommelbremsen, Zentralschmierung, Heizung, Linkslenkung, Schiebedach, Radio, Zweiklanghorn und Le-Mans-Zweifaden-Zusatzlampen, aber ohne Bentleyfigur – er wollte ja nicht auffallen. Am 10. September 1955 übernahm er den neuen Wagen, eingelöst mit dem Kennzeichen ZH 6492. B.378.LAN kostete damals 47500 Franken, was nach heutigem Wert rund dem Zehnfachen entspricht. Jeder Bentley ist beim Werk in England mit einer so genannten Chassiskarte registriert. Damit lassen sich nicht nur die Vorbesitzer eruieren, sondern es sind auch alle wichtigen Detailspezifikationen, Prüfprotokolle und weitere wichtige Daten wie Fertigstellung, der exakte Transportweg von der Fabrik bis zum Käufer, aber auch Farbcode und Lederfarbe vermerkt. Alle Extras von damals wie Zusatzlampen oder Schraubenschlüssel samt zugehörigen Halteriemchen sind bis auf den heutigen Tag in bestem Zustand vorhanden. Der Wagen hatte aber auch seine Tücken. Gerade an heissen Tagen galt es exakt die Reihefolge beim Starten des Motors einzuhalten. Sonst «verschluckte» sich dieser – oder zum Auto passend ausgedrückt, «it failed to proceed» – und verweigerte jeden Dienst. Nicht nur einmal musste Portier Brühlmann in der Gegend um Winterthur Wolfer-Sulzer zu Hilfe eilen. Leidenschaft für Motor und Technologie Als Wolfer-Sulzer am 26. November 1969 verstarb, ging der Wagen an seine Nachkommen über, die ihn bald an die Garage Siegenthaler in Winterthur veräusserten. Arthur Siegenthaler war ein begeisterter Rennfahrer auf Jaguar und Sunbeam, der Bentley stand grösstenteils im Ausstellungsraum seiner Garage. Einige Jahre später wechselte der Wagen zu einem Rolls-Royce- und Bentley-Enthusiasten, der den Wagen bis zum Verkauf regelmässig einsetzte. «2001 ging für mich just zu meinem 50. Geburtstag ein Traum in Erfüllung», sagt der Finanzspezialist Ott aus dem thurgauischen Ettenhausen. «Ich konnte den Wagen mit rund 100 000 km auf dem Tacho erwerben. Dank der Pflege und der Substanzerhaltung durch den Vorbesitzer befand sich das Auto in einem bemerkenswerten Originalzustand.» Ott liess ihn gründlich überholen, mit dem Ziel, den Wagen auch für längere Rallyes und Fahrten einzusetzen. «Eigentlich sind Bentley technisch überdimensioniert und ausgelegt auf eine Kilometerleistung von über 1 Million. Doch nach 50 Jahren kommen da und dort Schwachstellen zum Vorschein, die es nachhaltig zu reparieren gilt. Beispielsweise haben wir Automatikgetriebe und Kardanwelle überholt.»

Kurt Ott kennt keine Berührungsängste mit der automobilen Technologie. «Ich wuchs im Thurgau ganz ländlich auf, mein Vater baute seine ersten Traktoren selber, Maschinen und Motoren prägten meinen Allttag. Die Liebe zu den Engländern entdeckte ich während eines mehrjährigen Arbeitsaufenthaltes in der Nähe von Ascot und Windsor. Die vorbeigleitenden Nobelkarossen faszinierten mich, und ich träumte von Lederinterieur und viel Holzverkleidungen.» Ott war selber rund 30 Jahre im Umfeld von Sulzer tätig und kennt einige Nachkommen von Wolfer-Sulzer persönlich, welche sich gut an den schwarzen Bentley erinnern können. Nach dem Erwerb dauerte es etwa zwei Jahre, bis Ott mit dem Wagen vertraut war. «Ich lernte in der Praxis und prägte mir ein, wie der Wagen in bestimmten Situationen reagiert, zum Bespiel auf Autobahnen wie auf Passtrassen, bei starkem Gefälle oder in Kurven. Ohne Servohilfe die rund 2,2 Tonnen zu beherrschen sowie der Umgang mit dem Viergang-Automaten waren für mich neu.» Wie Wolfer-Sulzer vor 50 Jahren lernte Ott die zahlreichen technischen Tücken seines Lieblings kennen: «Bei diesem Wagen kann bei heissem Wetter im Motorraum ein Hitzestau entstehen. Beim Starten des bereits warmen Motors gilt es dann die Reihenfolge der Aktionen peinlich genau einzuhalten, sonst geht gar nichts mehr, und nur mit einigen Tricks oder einigen Stunden warten, bis der Motor abgekühlt ist, geht es weiter. Aus Erfahrung gelernt!» Kurt Ott wurde Mitglied beim Bentley Drivers Club Swiss Region und ist heute deren Präsident. «Bentley Driver sind entgegen der landläufigen Meinung oft Schrauber, und mit Stolz zähle ich mich auch dazu. Im Club habe ich nach und nach ein Netzwerk von Gleichgesinnten aufgebaut, die den technischen Unterhalt selber erledigen. Erst wenn es zu komplex wird, ziehen wir Fachleute bei. Mir scheint es wichtig, Wissen und Erfahrung gerade auch an jüngere Enthusiasten weiterzugeben. Denn heute zeigen sich Probleme mit den Fahrzeugen, die vor 50 Jahren gar nicht existierten.»

«Ich bin stolz auf meinen eleganten und repräsentativen Bentley S. Ich fahre kürzere und längere Strecken im In- und Ausland, kürzlich war ich im Allgäu und in Salzburg Bis heute blieb ich nur einmal stehen – an einem tropisch heissen Sommertag mit stotterndem Motor auf dem Boulevard Périphérique in Paris. Hilfsbereite Franzosen fragten sogleich, was die ‹alte Dame› wohl habe und brachten mich sicher zum Hotel. Nach einer heftigen Gewitternacht und entsprechendem Temperatursturz startete der Motor am nächsten Tag sofort, und wir fuhren sicher und problemlos in die Schweiz zurück. Das heisse Sommerwetter war einfach nichts mehr für die 52-jährige Zündspule, die ich nach der Rückkehr sofort ausgewechselt habe.»